General Anzeiger Bonn - 10.03.2009
Die Mertener Franziskusschule setzt auf praxisnahen Unterricht und Bewerbungstrainings
Von Bernhard Berger
BORNHEIM-MERTEN. Alles, nur nicht Hauptschule für das Kind. Das Abstellgleis für Dummköpfe, Straßenfeger am Ende des langen Reigens unterschiedlicher Schulsysteme, die Höchststrafe für faule Grundschüler. Henriette Heitmann (58) kennt sie alle, die Vorurteile über die Hauptschule. Schließlich leitet sie selbst eine: die Mertener Franziskusschule. Doch abfinden will sie sich nicht mit dem schlechten Ruf dieser Schulform. Sie will ihn verbessern. „Schließlich müssen wir uns hier in Merten nicht verstecken. Die Chancen unserer Schüler, nach dem Abschluss eine Lehrstelle öder ein Berufskolleg zu finden, sind stets sehr gut."
Und das Mertener Kollegium arbeitet daran, dass ein Abschluss dort bald eine eigene Marke darstellt. Denn mit Hauptschulstandard hat Schule in Merten wenig zu tun: Normalerweise differenziert sich der Unterricht zwischen den Grund und den Erweiterungskursen nach der siebten Klasse. In Merten ist dies nur noch in Mathematik und Englisch der Fall, und auch da will Heitmann bald für Einheitsklassen sorgen. „Wir sind überzeugt davon, dass sich stärkere und schwächere Schüler gegenseitig fördern können und von gemeinsamen Stunden profitieren"', meint die Schulleiterin. Steht doch die Vermittlung von sozialem Lernen ganz am Anfang des Unterrichts.
Darauf baut in der Neun und Zehn die Berufsorientierung auf. Das ist Vorbereitung auf die Berufswelt Marke Franziskusschule, in Merten weiterentwickelt seit über zehn Jahren, und von einigen Schulen bereits kopiert. Denn Bewerbungstrainings, Praktika in Altenheimen und Kindergärten, handwerklich-technische Einsätze im Haus oder Arbeit in der Schulküche bereiten die Jugendlichen gut auf den Arbeitsalltag vor. „Wir arbeiten gerade an Kurslernpartnerschaften mit der Versicherung Debeka und Kindergärten in Sechtem und Bornheim. Die Zusammenarbeit mit dem Seniorenheim Paulinenhof funktioniert schon seit Jahren einwandfrei."
Eine einschneidende Neuerung stellt die bereits genehmigte Einführung des Ganztagsbetriebs. „Weil wir dann mehr Zeit haben, können wir besser durchstrukturieren, Phasen zur Entspannung einplanen und Musik- und Sportprojekte organisieren." So sei etwa mit dem SSV Merten die Gründung einer Fußball-Mannschaft im Gespräch.
Mit der Einrichtung von zwei Musikräumen, einem Berufsorientierungsbüro und einem Trainingsraum zum Selbststudium leistet sich die Schule zugunsten ihres Konzepts den Luxus, auf einige Klassenräume zu verzichten. Das Raumkonzept für den Ganztagsbetrieb ist in Arbeit, aber zunächst wird noch die Aula als Mensa herhalten müssen. Wichtiger Nebenaspekt für die Bornheimer Hauptschule: Ganztagsschulen bekommen mehr Lehrerstellen zugesprochen. So muss trotz sinkender Schülerzahlen – von ehemals 700 ist die Schülerzahl auf derzeit etwa 500 gesunken - keiner der 33 Pädagogen das Kollegium verlassen. Denn die geburtenstarken Jahrgänge sind vorbei: Während die achten und neunten
Klassen noch sechs- und fünfzügig laufen, verzeichnet die Franziskusschule nur noch zwei Eingangsklassen in der Fünften. „Es gibt in diesem Jahr 52 Bornheimer Kinder mit Hauptschulempfehlung", weiß die Schulleiterin Heitmann. Davon werden einige Schulen in Alfter und Heimerzheim besuchen, auch die Bornheimer Gesamtschule werde in diesem Jahr wohl einige Kinder mit Hauptschulempfehlung übernehmen. „Aber es kommen ja auch regelmäßig Kinder aus Brühl zu uns, unseres guten Rufes wegen." So lobte im Jahr 2007 eine Kommission, die die Schule zur Qualitätsanalyse unter die Lupe nahm, eine Schulatmosphäre „im Exzellenzbereich".
Gerne würde Heitmann ihr Haus in „Verbundschule" umbenennen, um die stärkere Förderung ihrer Schüler auf den mittleren Bildungsabschluss (Realschulabschluss) hin zu betonen. „Doch solche Titel sind bereits vergeben. Es bleibt nur zu hoffen, dass wenigstens die Landes-Entwicklungskonferenz unsere Neuerungen im Unterricht genehmigt."
Zeit für Heitmann, eine Lanze für die Hauptschule zu brechen: „Die meisten, die über die Hauptschule schimpfen, haben noch nie eine von innen gesehen. Wir sind derzeit die kreativste Schulform, weil alle nach einem Ausweg aus der Krise suchen."
Gleichzeitig laste auf der Hauptschule, obwohl ihr wenig zugetraut werde, eine enorme Verantwortung: „Immer, wenn andere Schulen mit ihrem Latein am Ende sind, schicken sie ihre Kinder zu uns. Wir müssen die aufnehmen, die kein Wort Deutsch sprechen. Erst wenn sie das bei uns lernen und gute Leistungen bringen, sind die anderen Schulen wieder aufnahmebereit." Kein Grund also, auf die Hauptschule herabzusehen, meint Heitmann und tüftelt weiter am idealen Unterricht.
Infos unter der Adresse: www.franziskusschule-bornheim. de