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General Anzeiger Bonn - 30.09.2010

Der Funke springt erst in der Praxis über

Handwerker stellen an der Mertener Franziskusschule ihre Berufe vor und lassen die Schüler mit anpacken

Von Bernhard Berger

tischler

BORNHEIM-MERTEN. Finger, die in warmen Teig greifen und ihn kneten, der Duft von frisch gebackenem Hefezopf in der Nase, das Knistern der krossen Oberfläche beim Hineinbeißen - sinnlich verlief der Vormittag, für die Hauptschüler der Mertener Franziskusschule, als sie Bäcker Karl-Heinz Mestrum in sein Handwerk einführte. Und die Franziskusschüler packten fleißig mit an in der Schul-Lehrküche.
Stolz zeigte Michael Nagel (14) am Ende seinen Hefezopf vor, ohne sich eine Zukunft als Jungbä­cker ausmalen zu können: „Ich könnte nicht den ganzen Tag in ei­ner Küche oder im Büro sitzen, ich muss an der frischen Luft sein." Nicht so Jovanka Racikovic (15): „Ich backe auch daheim Brot und tue dies gerne - Bäckerin zu sein, könnte ich mir schon vorstellen." ' Bäckermeister Theo Voigt aus Heimerzheim hörte das gerne. Er hatte seinen Mitarbeiter Mestrum nach Merten geschickt, um das Interesse für sein Handwerk zu wecken. „Wenn wir Bäcker es nicht selbst tun, wer dann?" Schließlich sei er ständig auf der Suche nach geeigneten Auszubildenden, die sich auch von Nachtschichten nicht abschrecken lassen. „Dort gibt es Nachtzuschläge, die nicht zu verachten sind", warb Voigt.
Die Ausbildungsverträge musste er jedoch im Büro lassen, „so weit sind die Achtklässler noch nicht." Schnupperpraktika seien aber jederzeit möglich - auch in der Tagesschicht von 7 bis 15 Uhr. Um den Stein früh ins Rollen zu bringen, waren außer ihm am Dienstag noch andere Gewerke vor Ort: So reinigten die Franziskusschüler mit Profis ihre Klassenfenster, verlegten mit Heizungsinstallateuren ein Stück Fußbodenheizung oder arbeiteten unter Anleitung von Schlossern mit Schrauben und Muttern. Initiiert hatte die Kooperation Christoph Merschhemke vom Institut Unternehmen und Schule. Ziel ist eine engere Zusammenarbeit zwischen vor Ort ansässigen Firmen und Bildungseinrichtungen, um Jugendlichen den Weg zu einer Ausbildungsstelle zu ebnen. Nötig sei dies, so Schulleiterm Henriette Heitmann: „Viele haben kein Problem, eine Stelle zu finden, aber einige geben sich einfach zu wenig Mühe." Merschhemke und das Lehrerkollegium stellten deswegen Kontakt zu Handwerkern her. „Daraufhin ist der Verein Bornheimer Handwerker mit ins Boot gestiegen, so dass wir nun zwölf Betriebe hier an der Schule vorstellen konnten", zeigte sich Rektorin Heitmann dankbar. Die Handwerker freuten sich ihrerseits über die Chance, frühzeitig Kontakt zum Nachwuchs herzustellen - auch wenn dieser Erstkontakt nicht ganz unbelastet war. Kommentare wie „Wozu soll ich Fenster putzen, dafür habe ich doch meine Eltern" oder „Wieso arbeiten? Ich will Hartz IV" ließen die Berufstätigen schlucken. Sobald die Schüler anpacken und selbst aktiv werden konnten, waren solche Sprüche schnell vergessen, berichtete Heizung- und Sanitär-Installateur Stephan Fassbender. Kritisch merkte er an, dass er mit seinen Anforderungen an die Mathematik-Kenntnisse seiner potenziellen Lehrlinge in Merten eine Niete zog: „Da kam gar nichts", bedauert er.
Gebäudereiniger Ingo Löhrer, der 300 Mitarbeiter beschäftigt und ständig nach Nachwuchs sucht, berichtete dagegen von einer Gruppe, in der die Berechnung der Fensterflächen schnell erledigt war. „Ich war am Ende ganz überrascht, dass die Stillste aus der Gruppe Interesse an meinem Beruf zeigte", sagte Schlosser Rüdiger Landsberg. „Ausgerechnet ein Mädchen", das es in seinem männerdominierten Beruf schwieriger habe als die Jungs. „Wir hatten allerdings auch schon eine weibliche Auszubildende, die ihren Job sehr gut gemacht hat", sagte Landsberg. So sah es auch Tischler Hans-Josef Fassbender: „Es gibt viel we­niger Frauen bei uns, die sind da­für aber meist kreativer." Dennoch interessierten sich die meisten Schülerinnen eher für die „Weiße-Kittel-Berufe", meinte Schulleiterin Heitmann: „Daher ist es gut, dass auch die Mädchen einmal in andere Berufe hineinschnuppern konnten."

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